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        Vielleicht kennst du das.

        Gerade warst du noch der Held deines Kindes. Vertraut, geliebt, willkommen. Und dann – fast wie aus dem Nichts – kommt dieser Satz:

        „Papa, halte dich auf Abstand!“

        Vielleicht vor der Schule. Oder beim Abholen mit dem Fahrradhelm. Oder einfach, weil du gerade „falsch“ gelacht hast. Es fühlt sich an wie Ablehnung. Vielleicht sogar wie Verrat.

        Aber was, wenn in diesen Worten eine tiefere Bewegung steckt – eine, die Gott selbst kennt?

        Wenn Nähe nicht mehr passt – und das Herz trotzdem bleibt

        In Gesprächen mit Eltern aus unserer Gemeinde begegnet mir dieses Thema immer wieder:

        Kinder werden größer – und mit dem Größerwerden wächst auch das Bedürfnis nach Abstand.
        Nicht, weil die Liebe weniger wird. Sondern weil die Form der Beziehung sich verändert.

        Entwicklungspsychologen wie Erik Erikson sprechen in dieser Phase von Identitätsfindung. Jugendliche fragen sich: Wer bin ich – unabhängig von meinen Eltern? Und oft gehört dazu ein klarer emotionaler Abstand. Nicht, weil die Liebe verschwindet – sondern weil Eigenständigkeit Nähe erst einmal als Bedrohung empfindet.

        Vertrauen heißt auch: Ich lasse dich gehen

        Die Bindungsforschung zeigt: Kinder, die in frühen Jahren liebevolle Sicherheit erlebt haben, dürfen sich später getrost entfernen – weil sie wissen: Du bist da, wenn ich dich brauche. Was sich also wie Zurückweisung anfühlt, kann in Wahrheit ein Zeichen von innerer Geborgenheit sein.

        Auch die Neurobiologie erklärt, warum Kinder in dieser Phase besonders empfindlich sind: Im Gehirn wird in der Pubertät kräftig umgebaut – Emotionen überfluten den Verstand, Schamgefühle explodieren, Selbstwahrnehmung ist in Aufruhr. Was gestern noch liebevoll war, ist heute „peinlich“. Nicht, weil du dich verändert hast – sondern weil sich das Kind selbst verändert. Dazu kommt: Der Blick nach außen wird immer wichtiger. Die Peergroup – die Gleichaltrigen – werden zum neuen Maßstab. Alles, was anders oder „uncool“ ist, wird zur Gefahr für das fragile Selbstbild.

        Und plötzlich ist der liebevolle Papa im falschen Moment… ein Störfaktor.

        Abstand als Ausdruck von Vertrauen?

        Manchmal ist „Halt dich fern“ nicht Ausdruck von Ablehnung – sondern eine Form von Vertrauen: „Ich weiß, dass du das aushältst. Ich weiß, du bleibst – auch wenn ich mich gerade nicht anlehne.“

        In der systemischen Beratung sagt man: Verhalten hat eine Funktion. Wenn dein Kind sich zurückzieht, spricht es vielleicht auf seine Weise: „Bitte bleib da – aber bedräng mich nicht. Ich brauche deinen Rückhalt – auch aus der Distanz.“

        Auch Gott kennt dieses Gefühl

        Als ich über diese Prozesse nachdachte, wurde mir bewusst: Auch Gott kennt diese Art von Schmerz.

        Im Buch Hosea, Kapitel 11, beschreibt Gott seine Beziehung zu seinem Volk mit den Worten eines liebenden Vaters:

        „Ich zog sie mit Menschenbanden, mit Seilen der Liebe. Ich war für sie wie einer, der das Joch sanft von ihren Kiefern nimmt.“ Und doch sagt er auch: „Sie wollten nicht zu mir zurückkehren.“

        Trotzdem bleibt Gottes Herz offen. Kein beleidigtes Schweigen. Keine Strafe. Nur dieser leise Schmerz – und das feste Bleiben in der Liebe.

        Und Jesus? Auch er hat seine Eltern auf Abstand gehalten.

        In Lukas 2 wird erzählt, wie der zwölfjährige Jesus im Tempel zurückbleibt. Maria und Josef suchen ihn voller Sorge – und seine Antwort ist erstaunlich: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“

        Auch hier ein Moment der Abgrenzung.

        Jesus entdeckt seine Identität – und geht innerlich einen Schritt weg von seinen Eltern. Nicht aus Kälte, sondern weil Reifung Raum braucht.

        Die Geschichte vom Vater, der seinen Sohn gehen lässt

        Vielleicht am deutlichsten wird all das in der Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukas 15).

        Ein junger Mann will raus ins Leben – mit dem Erbe in der Tasche. Der Vater lässt ihn ziehen. Nicht aus Gleichgültigkeit – sondern aus Liebe. Und als der Sohn scheitert und zurückkehrt, da läuft der Vater ihm voller Erbarmen entgegen.

        Ohne Vorwurf. Ohne Bedingung. Ein Gott, der loslassen kann. Und trotzdem da bleibt.

        Was heißt das für uns als Eltern?

        Vielleicht bedeutet geistliches Wachstum für uns als Eltern: Dass wir lernen, Nähe neu zu verstehen.

        Nicht mehr nur als Umarmen, Festhalten, Dabeisein – sondern als leises Dableiben, verlässliches Hinterhergehen, stilles Mitgehen im Hintergrund.

        So wie Gott uns begleitet: Geduldig. Nah. Nicht aufdringlich. Aber immer da.

        🙏 Ein Gebet für alle, die lieben – auch auf Distanz

        Gott, unser Vater, du kennst unser Herz – und du kennst die Liebe, die manchmal loslassen muss.

        Du weißt, wie weh es tut, wenn Kinder sich entfernen, wenn Nähe sich verändert.

        Du hast es selbst erlebt mit deinem Volk, mit deinem Sohn – mit uns.

        Hilf uns, dir ähnlich zu werden:
        Loszulassen, ohne uns zu verschließen.
        Da zu bleiben, ohne uns aufzudrängen.
        Zu lieben – auch aus der Distanz.

        Und wenn wir selbst auf Abstand zu dir gegangen sind:
        Hol uns zurück in deine offenen Arme.

        Amen.

         

        Über Ernest Heinlein

        Klar in der Sprache, neugierig im Denken – Ernest liebt Gegensätze. Als Controller steuert er internationale Standorte im Automobilsektor, als Coach begleitet er Menschen mit Feingefühl und Tiefgang.

        Ob Excel-Tabelle oder Seelenlandschaft, ob Gartenschaufel oder Gesellschaftsanalyse – Ernest verbindet Struktur mit Kreativität, Nachdenklichkeit mit Optimismus.

        Er lebt mit Herz, Verstand und Humor – in Familie, Beruf, als Coach und als Teil der Gemeindeleitung der Evangelischen Gemeinschaft. Begeistert von Gott und den Menschen, bringt er Ideen und Herzen in Bewegung.

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