ZURÜCK
        ZUM MENÜ

        Gefühle kommen und gehen. Doch was ist dann mit der Liebe? Kann sie überhaupt Grundlage einer lebenslangen Verbindung sein?

        „Was soll ich machen? Die Liebe zu meiner Frau ist verloren gegangen! Irgendwann in den vergangenen Jahren habe ich sie unmerklich verloren. Jetzt ist sie fort.“ Vor mir sitzt ein Mann, er schaut mich fragend an. Kennst du das auch? Wo sind die Schmetterlinge im Bauch geblieben? Was ist mit den Gefühlen, die mich beflügelten? Was mache ich, wenn mir mein Partner gar nicht mehr so liebenswert erscheint? Was soll ich da nur machen?

        Am dünnen Faden der Liebe

        Bevor wir dieses Dilemma verstehen, zunächst ein kurzer Blick in die Geschichte der Ehe: Wir kommen aus einer Vergangenheit, in der Liebesgefühle in der Ehe als zweitrangig galten. Frühere Generationen sahen die Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft. Hier wurden Rollen aufgeteilt und für den Nachwuchs gesorgt. Nur ein Bruchteil der Deutschen durfte heiraten.

        Im 19. Jahrhundert dann rumorte es in der Gesellschaft. Unverheiratete Jugendlich lebten ehelos zusammen. Dem trat Otto von Bismarck entgehen. Durch ihn wurde es 1876 gesetzlich möglich, dass jeder die Ehe schließen durfte. Die „Liebesehe“ löste fortan zunehmend die „Zweckehe“ ab. Heute hängt der Bestand der Ehe nahezu ausschließlich an einem oft dünnen Faden, den wir mit dem Gefühl „Liebe“ bezeichnen.

        Das Gefühl in der Partnerliebe

        Im Englischen fällt man in die Liebe („to fall in love“), und genauso empfinden wir es. Wer sich verliebt, entscheidet sich nicht dafür, es passiert einfach. Und manche Paare fragen mich Jahre danach: “Waren wir wirklich verliebt?“ und stellen damit ihre Beziehung besonders in Krisenzeiten in Frage.

        Rudolf Dreikurs antwortet dazu: “Diese romantische Liebe ist ein Ziel, das man schwer aufgibt…. Liebe soll eine geheimnisvolle Kraft sein, gegen die wir machtlos sind, und wir haben gar keine Lust, diese Gedanken fallen zu lassen… Wie können wir sicher sein, dass wir wirklich lieben, wenn wir nicht dauernd ein merkwürdiges Gefühl in der Brust oder im Bauch haben, verbunden mit dem heftigen Verlangen, mit dem oder der Geliebten zusammen zu sein?“.

        Was sind eigentlich Gefühle?

        Doch Gefühle haben keine Eigenmacht, auch wenn es so scheint. Der Mensch ist auch in seinem Fühlen nicht willenlos und ausgeliefert.

        Gefühle sind immer deine Gefühle. Sie gehören dir. Sie werden von dir entwickelt und bestimmt. Du bist es folglich, der sie verstehen und ändern kann.

        Der Mensch ist das einzige Wesen auf dieser Welt, das sich in Gedanken neben sich stellen kann und sich selbst beurteilen kann. Diese Gedanken produzieren unbewusst Gefühle. Vor unseren Gedanken waren also immer zuerst die Gedanken, die uns meist gar nicht klar sind.

        Liebe unterstützt, wie jedes andere Gefühl, die grundsätzlichen Absichten eines Menschen. Das heißt, dass jemand das Gefühl von Liebe braucht

        •  um sich dauerhaft an einen Menschen binden zu können.
        • Um mit den schwierigen Seiten des anderen leben zu können.
        • Um sich ihm vertrauensvoll öffnen und bis in den intimsten Bereich hingeben zu können.

        Was ist aber nun zu tun, wenn genau diese Liebesgefühle fort sind?

        Was, wenn man sie wiederfinden möchte? Tatsache ist: Es gibt da keinen Mechanismus in uns, dem wir einfach ausgeliefert sind.

        Gefühle folgen immer dem Denken auf dem Fuß. Es gilt also immer zuerst, sich der eigenen Gedanken und Motive bewusst zu werden:

        • Wenn ich den anderen verändern, erziehen oder nicht akzeptieren kann, werden keine Liebesgefühle entstehen.
        • Wenn ich mich vom anderen bewusst distanzieren will, etwas aufgrund von Verletzungen, werden keine Liebesgefühle entstehen.
        • Wenn für mich grundsätzlich wichtige Voraussetzungen in der Partnerschaft nicht gegeben sind, etwas eine Ausgewogenheit von Nähe und Distanz, von Geben und Nehmen oder ich dem anderem nicht vertrauen kann, werden keine Liebesgefühle entstehen.

        Folglich kann der Verlust von Liebesgefühlen ein hilfreiches Signal dafür sein, dass grundsätzliche Themen der Partnerschaft auf den Tisch kommen und geklärt werden sollten.

        Das Denken hinter den Gefühlen

        Ein Gefühl zu ändern, bedeutet immer zuerst das Denken, die Gedanken zu verstehen.

        Voraussetzung dazu ist der feste Entschluss, dass ich mich diesen Themen auseinandersetze. Resignation tötet alle Liebesgefühle, die sich entwickeln können.

        Ich erinnere mich an einen Satz aus der Bibel, in dem Paulus die Christen ermutigt. In Römer 12,2 schreibt er: “Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird. Dann könnt ihr ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes entspricht.“.

        Veränderung kann also dort beginnen, wo wir die Verantwortung für unsere Beziehung und dadurch auch für unsere Gefühle übernehmen.

        Gefühle kann man nicht bewusst verändern, aber unsere Absichten. Und wenn sich die Entschlüsse ändern, dann müssen sich die Gefühle dementsprechend wandeln.

        Das Gebot der Liebe

        Nur aus dieser Perspektive wird auch verständlich, wenn Jesus uns in Johannes 15,12 Liebe verordnet: “Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe.“

        Von Dietrich Bonhoeffer ist aus seiner „Traupredigt aus der Zelle“ erklärend dazu der bedeutsame und wichtige Satz überliefert worden:“ Nicht eure Liebe trägt die Ehe, sondern von nun an trägt die Ehe eure Liebe.“ Das meint: Jede Partnerschaft trägt, je länger je mehr, die Verantwortung dafür, die Beziehung so zu gestalten, dass Liebesgefühle entstehen können.

        Mit meinem anfangs genannten Ratsuchenden machte ich mich also, nachdem wir dies alles besprochen hatten, gemeinsam auf die Suche nach den Gedanken, die ihn jetzt auf seine Frau wirklich leiten.

        Dabei galt es jetzt eine reifere Form der Liebe zu verfolgen als die eines Jugendlichen. Vor diesem Hintergrund war es nicht mehr schwer zu erkennen, wann und warum die Gefühle der Liebe verloren gegangen waren. Ein Prozess der Versöhnungsbereitschaft anstelle des Nachtragens war bei ihm jetzt angesagt. Es war neu für ihn, gute Gedanken der Liebe bewusst suchen zu wollen, festzuhalten und zu pflegen.

        Die Liebe ist demnach eine beabsichtigte, entschlusskräftige Entscheidung des Denkens. Und diese Entscheidung setzt nach Römer 12,2 einen Prozess der Umwandlung von Gott in Gang, in dem wir bei allen Mühen einen „Rückenwind von Gott“ erwarten können, weil Liebe in der Ehe dem Willen Gottes entspricht.

         

        Über Michael Hübner

        Dr. (UNISA) Michael Hübner ist Leiter der Beratungspraxis und Stiftung Therapeutische Seelsorge in Neuendettelsau. Er hält seit mehr als 20 Jahren immer wieder in unserer Gemeinde Referate oder Gottesdienste.

        Die von ihm gegründete TS-Stiftung bietet deutschlandweit eine Seelsorger- und Eheberaterausbildung für christliche Gemeinden an (www.stiftung-ts.de).

        Dieser Blog wurde bei FamilyNext in der Ausgabe 06/2018 veröffentlicht. Wir danken für die persönliche Erlaubnis, ihn hier bei uns veröffentlichen zu dürfen.

        KOMMENTIEREN

        Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht *